Gestern abend war RAF-Zeit in der ARD. „Mogadischu“ behandelt die Entführung des Lufthansa-Flugzeugs „Landshut“, das nach mehreren Zwischenstationen schließlich in Somalia landet. Die GSG 9 befreit das Flugzeug, alle Geiseln (mit Ausnahme des bereits zuvor von den Entführern erschossenen Piloten Jürgen Schumann) überleben, die Bundesrepublik Deutschland setzt im Deutschen Herbst 1977 ein erstes wirkungsvolles Zeichen.
„Mogadischu“, so konnte man in vereinzelt hören, soll der bessere „Baader-Meinhof-Komplex“ sein, ein herausragender Fernsehfilm, ausgezeichnet besetzt und vom Regisseur Roland Suso Richter authentisch inszeniert. Nadja Uhl, die eine der Hauptfiguren des Films, eine Stewardess, spielt, erzählte in einem Interview, dass Richter seine Darsteller immer wieder in ungeplante Szenen warf, um ein Gefühl für die Beklemmung und den physischen wie mentalen Terror zu transportieren.
„Mogadischu“ ist ein guter Fernsehfilm, der auch auf DVD funktionieren wird. Er bietet Nähe – mal gewollt, wie bei Bundeskanzler Schmidt, mal erzwungen, wie an Bord der Landshut -, er zeichnet Charaktere, er liefert ein Bild der Zeitumstände aus der Perspektive der Opfer. Aber: Mehr ist er nicht. Die klaustrophobische Situation im Inneren der Landshut wurde selten ausgenutzt. Die Entführer tragen Che-Guevara-Shirts, auf denen kein Schweißfleck zu sehen ist. Den Passagieren rinnt hin und wieder der Schweiß über die Stirn, aber eine Vorstellung, wie es in dem Flugzeug wohl riechen mag, wenn knapp hundert Menschen fünf Tage in katastrophalen hygienischen Bedingungen (und teilweise mit der Leiche des Kapitäns) zusammen leben müssen, lässt sich nicht vermitteln. Der Terror kann nur angedeutet werden.
Der Film ist nicht so sehr Hollywood-Kino wie „Der Baader-Meinhof-Komplex“, er bietet keinen Grobabriss der Geschichte, sondern geht in die Details. Er deckt die Verbindung zwischen den palästinensischen Entführern, der PFLP und dem sowjetischen KGB auf. Er zeigt Helmut Schmidt als aufrechten Entscheider, etwas zurückgezogen und sehr sachfixiert. Er zeigt GSG-9-Chef Wegener, der mit seinen Männern um jeden Preis das Ruder herumreißen und weiteren Terrorismus im Keim ersticken will, aber die politischen Feinheiten und Umstände in den afrikanischen Ländern nicht verstehen kann. Er zeigt Hans-Jürgen Wischnewski, den Gesandten der Bundesregierung, als verständnisvollen Verhandler, der mit seiner sanften Diplomatie überhaupt erst den Einsatz für die GSG 9 bereitet hat.
In dieser Wertung ist „Mogadischu“ ein sehenswerter Film, und, vor allem wenn man die bisherigen Produktionen des Regisseurs heranzieht, die eher Sat1-Sonntagabendkino sind, außerordentlich gut. Aber: Er versucht die Opfer zu inszenieren, ohne den Zuschauer selbst zu einem zu machen. Immer wieder hat man Gelegenheit, der Enge des Flugzeugs zu entfliehen und ins ferne Deutschland, in den Tower des jeweiligen Flughafens oder in die Umgebung zu blicken. Wie wäre es gewesen, wenn der Film den Zuschauer nicht zu einem Beobachter, sondern zu einem Beteiligten gemacht hätte, an seinen festen Sitz gekettet und abhängig von den Launen der Entführer?
Nachtrag
Im Anschluss an die Sendung war bei Anne Will unter anderem Jürgen Vietor zu Gast, der Co-Pilot der entführten „Landshut“. Halb von selbst, halb von Will gelenkt kam die Runde schließlich auf das Thema Christian Klar. Peter Scholl-Latour erklärte, Klar und seine Entlassung seien ihm völlig egal – von ihm aus könne man, wenn die Todesstrafe im Gesetz verankert wäre, Klar auch hinrichten, das wäre ihm gleich. Mit dieser etwas kruden These konnte der Rest spontan nichts anfangen und verstand sie als Plädoyer für die Todesstrafe, was Jürgen Vietor dazu brachte, die Menschen in zwei Gruppen einzuteilen: Die einen, die für Gnade und Vergebung seien, und die anderen, denen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ geläufiger sei. Er selbst zählte sich zur letztgenannten Gruppe.
Die Diskussion war ab diesem Punkt gescheitert, alles drehte sich nur noch um die Todesstrafe und man widersprach sich gerne selbst. Es war von da an nicht mehr zuzuordnen, wer jetzt genau für was war, aber eines war am Ende klar: Alle beanspruchten für sich, den Rechtsstaat zu vertreten, – und alle forderten härtere Strafen. Von einer Diskussion um die zu kurz kommenden Opfer der RAF schwenkte man schnell um auf die Täter, die unwidersprochen als Gewaltkriminelle bezeichnet wurden. Das Argument des ehemaligen FDP-Innenminister Gerhart Baum, dass ihnen dann eben auch eine gewöhnliche Behandlung zustehen würde, was die Möglichkeit des Freikommens bedeutet, blieb ungehört.
TV… und so schreibt:
Der Protest und die kruden Todesstrafe-Diskussionen, die die irgendwie vom RAF-Terror Betroffenen medienwirksam immer wieder inszenieren stellt rechtsstaatliche Grundsätze und dem auf Schutz der Bevölkerung und Resozialisierung ausgerichteten Strafvollzugs gefährlich in Frage. Wenn sich das Opfer bzw. deren Angehörige eine Strafe so auch den Tod für den Täter wünscht, mag das absolut nachvollziehbar sein. Dafür kann man viel Verständnis haben. Sobald sie in der Öffentlichkeit stehen und an politischen Diskussionen teilnehmen, (…) ist es gefährlich, dumm und populistisch, seine eigenen Rachegelüste nicht im Griff zu haben.
Malte (dessen Texte ich oft nicht mag, diesmal aber schon) meint bei Spreeblick:
Selbst Christian Klar und selbst ein sadistisch motivierter Kindermörder fallen nicht aus dem Geltungsbereich des Grundgesetzes heraus. Gerade weil wir von Natur aus grausamer, hinterhältiger und rachsüchtiger sind als jedes andere Tier, schützen wir uns selber vor unseren niedersten Trieben, indem wir jeden Menschen unter diesen besonderen Schutz stellen: Seine Würde ist unantastbar. Sogar wenn er alles dafür getan hat, eine Schande für seine Art zu sein.
Strafrecht und seine Vollstreckung genügen nicht dem Bauchgefühl und sind mit Sicherheit nicht dazu geeignet, dem Opfer eines Verbrechens den Schmerz zu nehmen. Die Justiz hat eine lange Entwicklung hinter sich bringen müssen, um zu erkennen, dass auch Mörder Menschen sind. Dass auch Mörder Menschen sind, ist ein Satz, der sich wahnsinnig leicht hinschreiben lässt, und den man ungeheuer schwer einem Opfer ins Gesicht sagen kann. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass Anne Will sich getraut hätte, zu erklären, warum wir Mörder nicht töten.
Zu Jürgen Vietors These, Todesstrafe sei human, fällt mir nur eines ein: Angriff ist Verteidigung, Krieg ist Frieden.