Zum frühestmöglichen Zeitpunkt (in Bayern) bin ich mit dem schriftlichen Abitur fertig geworden, nämlich heute um 13 Uhr.
Nach Sozialkunde/Geschichte gestern stand heute Deutsch auf dem Programm. Die Chancen, dass da was bekanntes dran kommt, sind verschwindend gering, meine Strategie also: Alles wiederholen und darauf hoffen, dass man es anwenden kann. Ergebnis: Gut.
Schon das erste Thema (von sechs) hat mir zugesagt, ich hab also nur die anderen fünf Aufgaben nur kurz angelesen und weitergeblättert. Dabei blieb’s dann auch, nämlich Thema #1, Lyrik.
Es ging um zwei Gedichte von Durs Grünbein, ein moderner Lyriker, geboren 1962. „Der Misanthrop auf Capri“ und „Hadrian kritisiert einen Dichter“. Zwei Erschließungen, zwei Interpretationen zum Thema Macht (im „Misanthrop“ geht’s um Tiberius, der mit harter Hand entscheidet, aber insgeheim Skrupel hat; in „Hadrian“ um ebendiesen Kaiser, der wegen seiner Macht meint, zu allem fähig zu sein und sich deswegen auch in Themen einmischt, von denen er keine Ahnung hat), außerdem noch ein Vergleich mit einem literarischen Werk einer anderen Epoche in Bezug auf das Thema Macht. Ich hab dazu „Buddenbrooks“ gewählt, am liebsten hätte ich mir aber „Die Physiker“ genommen, weil dort der Umgang mit (potenzieller) Macht den einzelnen Figuren eindeutiger zugeordnet werden konnte – aber „Die Physiker“ scheiterten eben an der Auflage, dass das Werk einer anderen Epoche entstammen musste und so hab ich’s nur kurz im Schluss angerissen.
Von den fünf Stunden Arbeitszeit habe ich etwa viereinhalb tatsächlich benötigt, mir teilweise aber auch echt Zeit gelassen. Am Ende hab ich acht Seiten abgegeben – für einen, der eher kurz und bündig schreibt wie ich, ist das ziemlich viel und auch neuer persönlicher Rekord für eine Klausur (aber wohl auch darauf zurückzuführen, dass gleich zwei Gedichte zu erschließen waren).
Übrigens: „Der Misanthrop“ auf Capri hat mir sehr gefallen, die Tiberius’ knochige Finger werden sehr eindrucksvoll beschrieben und Grünbeins ergänzende Anmerkung, dass ein Wink dieser Finger die römischen Flugzeugträger in Bewegung versetzte, fand ich sehr spannend. Ich hab grad versucht, das Gedicht und die Bemerkung online zu finden, aber da Grünbein noch lebt und sein Werk natürlich noch nicht gemeinfrei ist, schaut’s da eher schlecht aus. Schade, hätte ich gerne hier veröffentlicht, weil ich’s eine echt reizvolle Aufgabe zu einem großen Gedicht fand!
Nachtrag: Nikki hat die Angabe mitgenommen und die Gedichte abgetippt (siehe Kommentare). Vielen Dank!
Text A:
Der Misanthrop auf Capri (1999)
Nicht wahr, sie machen euch Angst, meine Finger,
So lang und so knochig, zehn krumme verdorrte Äste.
Was wird erzählt? Ich könne mit Links einen Apfel durchbohren?
Nicht nur das, liebe Freunde. Auch ein glotzendes Auge.
Auch den Brief, der mir schmeichelt mit blinzelnden kleinen Worten.
Ich brauch keinen Schlagring, mir genügen die Finger -
Dieselben, mit denen ich Krebse esse und Kleinkinder necke.
Wie man vom Tisch eine Fliege schnippt, die dann kreiselnd
Am Boden verendet, so fahr ich dem Staunenden ins Gesicht.
Was wie ein Streicheln aussieht, eine zärtliche Geste,
Ist mein gefährlichster Schlag. Nicht wahr, das brennt,
Und macht blutige Striemen. Hab ich den Feind erst markiert,
Bin ich ganz sicher, es findet sich einer, der ihn beseitigt für mich.
Ich aber zieh mich zurück, trauernd. Das Schlachten widert mich an.
Anmerkung zum Gedicht vom Verfasser Durs Grünbein
Kaiser Tiberius (42 v. Chr. – 37 n. Chr.). Von seiner Villa auf Capri, die heute von Eidechsen bewohnt wird, regierte er ein Weltreich, das von den britischen Inseln bis zu den Wüsten Afrikas reichte. Ein Wink seiner knochigen Hand, die Tacitus eigens erwähnt, und die römischen Flugzeugträger waren in Marsch gesetzt.
Text B:
Hadrian hat einen Dichter kritisiert (1999)
Lächelnd gab Favorinus nach, unterbrochen
Vom Kaiser. Falsch sei der Ausdruck,
Ein Makel in einem so schönen Gedicht.Sollte er recht behalten, nur weil er wußte,
Wieviel besser sein Wort war? „O Freunde,
Wie dumm ihr doch seid, mich zu rügen,
Mich hätte ein Machtwort gebeugt.Ihr begreift nicht, wie klug einer sein muß,
Der dreißig Legionen im Rücken hat.
An die Spitze gebracht hat ihn sein gutes Latein.
Sein Urteil wird in Ägypten Stein, in Britannien.Sein Funken Kunstverstand
Setzt von hier bis Achaia Bibliotheken in Brand.“
Nachtrag #2: Wer sich für weitere Interprationsansätze interessiert, wird in den Kommentaren sicher fündig; sie und ihre Belegbarkeit werden dort auch von verschiedenen Deutsch-LKlern diskutiert (übrigens: danke dafür, fand ich sehr interessant). Ich habe auf meine Arbeit 14 Punkte bekommen, so schlecht scheint meine oben erwähnte Interpretation also nicht angekommen zu sein.
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