Ich hab mir vorgenommen, erst etwas Abstand zu gewinnen, bevor ich darüber schreibe. Natürlich hätte ich auch direkt nach der Aufführung, also noch am gleichen Abend, nach dem Heimkehren, noch leicht schwitzend und etwas euphorisiert an den Rechner setzen und ein paar Zeilen von mir geben können, aber das wollte ich nicht. Mir war wichtiger zu sehen, wie ich mit ein, zwei Tagen Distanz auf das Geschehen blicken würde.
Jetzt also. Theater. Am Gymnasium. Zwei Abende lang. Unter anderem mit mir auf der Bühne.
Am Freitag waren wir ab 16 Uhr in der Schule. Die Aufführung sollte um 20 Uhr beginnen, aber bis dahin gab es noch einiges zu tun. Bühne herrichten, schminken, … Und dann eben noch so Sachen wie das Gestalten des Getränkeausschanks etc. Viele hatten bei der ganzen Sache ein ziemlich gutes Gefühl, aber so richtig sicher war sich im Vorfeld keiner. Ich hatte ja befürchtet, dass einige die Nerven verlieren und panisch werden würden. Und dass ich deswegen würde knurren müssen, um den Laden auf Kurs zu halten. Aber: Es war nicht wirklich nötig. Ich habe es einmal bei einem tiefen Blick in die Augen belassen (und zwar bei einem der zwei Kandidaten, die ich schon vorher im Blick hatte), aber das war alles.
Mit der Maske waren wir früh fertig, dann haben wir uns ausführlich aufgewärmt. Unser Problem: Die Sänger hatten allesamt Probleme mit der Stimme, waren erkältet. Es war nicht auszuschließen, dass denen mittendrin die Stimme wegbricht. Unschön.
Beim gemeinsamen Abendessen wurde das Gefühl dann besser. Alle saßen zusammen und unterhielten sich – so richtig schlimm nervös war keiner, aber eine Grundanspannung war da. Gute Voraussetzungen für eine gute Aufführung. Die sollte es auch werden.
Es lief einfach verdammt gut. Wir gingen gemeinsam raus und der Anfang klappte. Es ging weiter, es lief einfach. Das Publikum war bei der Sache. Wer nicht auf der Bühne war, saß hinter den Vorhängen und hörte zu. Nach etwa 50 Minuten gingen wir in die Pause. Ganz schön schnell, aber nach Meinung unseres Licht- und Tonmannes wirkte es besser als in den Proben. Gemeinsamer kurzer Jubel in der Pause, dann wieder Konzentration und Blick nach vorne. Noch war die ganze Sache nicht vorüber.
Als es dann fokussiert weiterging und Fehler Mangelware blieben, war für uns klar: Das wird was! Dementsprechend wohl fühlten wir uns in unserer Haut, dementsprechend befreit gingen wir raus zum Applaus, dementsprechend gelöst war die Stimmung nach der Aufführung. Wir ließen uns loben, saßen da und lachten und einer nach dem anderen verabschiedete sich. Aber: Alle waren sich bewusst, dass man sich morgen auch noch einmal würde konzentrieren müssen.
Samstag, 16 Uhr. Ein ähnliches Bild, wieder trafen wir uns zur Vorbereitung. Sortierten die Kostüme hinter der Bühne, warteten auf die noch Fehlenden. Schon da war zu spüren: Die Anspannung war am Abend zuvor wesentlich höher gewesen. Da waren alle pünktlich! Und heute trudelte man so peu à peu ein. Man erzählte sich viel, man hing viel herum. Der Zug fehlte, der Druck fehlte, die Anspannung fehlte. Es war zu befürchten, dass es in die Hose ging, weil alle es zu locker nahmen.
Ich hab schon früh gemerkt, dass ich heute abend würde knurren müssen, lang und ausdauernd. Mit Verspätung haben wir uns geschminkt. Mit Verspätung haben wir zu Abend gegessen. Mit Verspätung haben wir uns warm gemacht und mussten schon nach kurzer Zeit abbrechen, weil einige herumalberten. Wir wollten eigentlich unseren gemeinsamen Anfangs-Text proben, aber immer gab es jemanden, der nicht bei der Sache war, der grinste, der seinen Text vergas und – anstatt einfach darüber hinwegzuspielen – ein „Scheiße!“ von sich gab. Die Stimmung war wie bei einer Probe, aber nicht wie bei einer Aufführung. Wir mussten das Aufwärmen verfrüht abbrechen, weil es erstens keinen Sinn hatte und weil zweitens in einigen Minuten die ersten Zuschauer da sein würden.
Jeder sollte sich selbstständig warmmachen und noch einmal seinen Text durchgehen. Wer dies gemacht hat und wer nicht, weiß ich nicht mehr, weil ich mich etwas zurückgezogen habe, um mich in aller Ruhe und ohne Ablenkung auf die Aufführung vorzubereiten. Als ich aber nach einiger Zeit zurückkam und einen fröhlichen Hühnerhaufen vorfand, der alles andere als konzentriert war, bin ich deutlich geworden. Jetzt half kein Mahnen mehr, jetzt war es Zeit zu knurren (und ich war nicht der einzige).
Ob die Botschaft ankam, weiß ich nicht. Man versicherte mir, man sei konzentriert. Ich sagte, ich hätte Angst, dass wir es heute abend versauen, weil der Druck und die Konzentration fehlten. Es war absolut offensichtlich, dass es gestern zu gut gelaufen war und einige deswegen einen Gang runterschalteten. Ich hatte absolut keine Lust auf ein Scheitern, weil einige meinten, sie müssten nur mit halber Kraft arbeiten. Und gleichzeitig bekräftigte ich, dass ich das alles zurücknehmen würde, wenn es heute abend wieder gut lief. Um es vorwegzunehmen: Es lief gut. Ob aber alle von vornherein genauso konzentriert wie am Vortag waren oder ich und die anderen Mahner letztlich ein kleines Umdenken ausgelöst haben, weiß ich nicht.
Ich (und wie ich nachher erfahren habe auch einige andere) hatten ein total schlechtes Gefühl, als sie auf den Beginn der Aufführung warteten. Und gleichzeitig war ich wild entschlossen, auch heute abend alles zu geben. Ich wollte nicht daran Schuld sein, dass es nicht klappte. Aber das war gar nicht nötig, denn es klappte erneut. Zwar etwas mehr Fehler als am Vortag, aber wieder lief es größtenteils wie am Schnürchen. Das Publikum stand voll hinter uns und als es selbst nach der Pause immer noch wunderbar funktionierte, wichen meine Bedenken der Freude. Ich habe es einfach genossen, da rauszugehen und mich zu konzentrieren und meine Leistung zu bringen und dafür belohnt zu werden.
Die After-Show-Party fiel wesentlich besser aus als am Abend der Premiere, wo man ja immer noch eine weitere Aufführung blickte und sich deswegen schonen wollte. Nach der zweiten Aufführung aber war Feiern angesagt, die Sektflaschen wurden geköpft, zunächst unterhielt man sich noch etwas mit dem Publikum, das teilweise noch einige Minuten dablieb. Als dann schließlich nur die Theater-Truppe (und einige Freunde) da waren, ging es erst richtig los. Die Musikanlage wurde aufgedreht, der Sekt machte die Runde, wir tanzten auf den Tischen, lagen uns in den Armen, freuten uns über uns selbst. Nach der ersten Euphorie vereinte man dann feiern und aufräumen, die Bühne wurde gesäubert und die Requisiten geordnet, gleichzeitig aber sang man immer noch im Chor die Musik aus unserem Stück oder „unser“ Lied.
Als dann alles einigermaßen aufgeräumt war, zog man weiter in einen nahen Jugendclub, der wahrscheinlich so gut wie leer sein würde. (An diesem Abend hatte man schon frühzeitig klargestellt, dass es erwartet wurde, nicht direkt nach der Aufführung zu gehen, sondern noch dazubleiben und zu feiern.) Die anderen Gäste waren uns auch nicht so wichtig, wir wollten eigentlich viel lieber unter uns sein. Mit einigen Flaschen Sekt enterten wir also besagte Lokalität und hatten sie kurz darauf größtenteils für uns – unsere gute Laune vergraulte anscheinend die spärlichen anderen Gäste, die alle irgendwie nicht wirklich Lust auf Feiern hatten. Wir dafür umso mehr.
(Und ich kann seit diesem Abend einen Punkt auf meiner „Was ich schon immer mal machen wollte“-Liste abhaken: Sektflasche öffnen, Daumen auf die Öffnung, schütteln, spritzen.
Macht ziemlich viel Spaß!
)
Der nächste Morgen war dafür umso schlimmer (und der Sekt war nicht Schuld daran). Die Einsicht, dass man jetzt diese Theatertruppe würde verlassen müssen und es jetzt erst einmal vorbei war, setzte ein und war wie ein Stich ins Herz. Wir waren ein guter Haufen, wir haben uns gut verstanden, wir passten zusammen. Natürlich geht es bei so vielen extrovertierten Charakteren, die eine Theatergruppe naturgemäß in sich versammelt, nicht immer reibungsfrei zu, aber es gab einen gemeinsamen Nenner, der nicht unbedingt klein war. Und jetzt war das alles vorbei. So fühlt sich Liebeskummer an, so fühlt sich Entzug an.
Man versucht irgendwie diesen einsetzenden Schmerz zu betäuben. Bei mir geschah das mittels „unseres“ Lieds, „Alegría“ (von der Zirkustruppe vom Cirque du Soleil), das in der Dauerschleife lief. Wirklich besser wurde es dadurch nicht. Aber irgendwas muss man ja machen, wenn man erkennt, dass all das jetzt erst einmal vorbei ist und so schnell nicht wiederkommt. (Und irgendwie hatten auch einige andere das genau gleiche Problem…) Was mich am meisten gefreut hat: Die Chefin schickte Mails mit Bildern vom Feiern und von vor dem Stück; gleichzeitig kam der Vorschlag, gemeinsam nach Erlangen zu fahren und sich „Kasimir und Karoline“ anzusehen, ein weiteres Horváth-Stück, und anschließend noch gemeinsam durch die Nacht zu ziehen. Ich denke, unsere Meinung dazu ist eindeutig: Jaaaaaaaa, natürlich, so schnell wie möglich!
Und ganz nebenbei gab es noch einen weiteren Stimmungsaufheller: Vielleicht können wir „Glaube Liebe Hoffnung“ noch einmal aufführen, auf den Bayerischen Theatertagen zum Beispiel. Ich wäre sofort dabei…
Zum Abschluss noch einige Zeilen aus dem bereits oben zitierten „Alegría“ vom Cirque du Soleil. Sie treffen ziemlich die Stimmung, in der ich mich am Sonntag befand, nachdem ich realisiert habe, dass jetzt meine Zeit mit dieser (Schul-)Theatergruppe vorbei ist, weil ich (Abitur-bedingt) gehen muss:
Alegria
I see a spark of life shining
Alegria
I hear a young minstrel sing
Alegria
Beautiful roaring scream
Of joy and sorrow,
So extreme
There is a love in me raging
Alegria
A joyous,
Magical feeling