Ich habe mein wirkliches Interesse an den kulturellen Angeboten unserer Schule erst bemerkt, als mein Abitur nahte.
Ende der elften Klasse, am Abend bevor unsere Studienfahrt startete, habe ich die Ballett-Aufführung („Die Nachtigall“ nach dem Andersen-Märchen) besucht, die mich wirklich umgehauen hat. Ich saß zwei Stunden in der heißen Turnhalle und hatte eine Gänsehaut am kompletten Körper, sobald Musik erklang, hatte ich Wasser in den Augen.
Mit dem Eintritt in die K12 wurde ich auch Teil der Theater-Truppe, habe im gleichen Winter zum ersten Mal das Weihnachtskonzert besucht, das aber irgendwie an dass Ballett nicht heranreichen konnte. Habe zum ersten Mal selbst Theater gespielt und diesen unheimlichen Endorphin-Rausch erlebt, der nach einer gelungenen Aufführung entsteht. Im nächsten Winter wieder Weihnachtskonzert, wieder tief berührt worden. Inzwischen habe ich mein Abitur, wenn auch noch nicht offiziell verliehen bekommen (das passiert erst am Freitag) – und war heute zum ersten Mal auf dem Sommerkonzert.
Während das Weihnachtskonzert vom Orchester und vom sakral angehauchten Chor geprägt ist und überwiegend geistliche Musik gespielt wird, ist das Sommerkonzert ein Gegenpol: die Big Band spielt viel Jazz, viel Funk, teilweise in Richtung Gospel, etwas Blues, gerne auch mit rockigeren Zwischentönen. Das Weihnachtskonzert ist feierlich und eher streng, das Sommerkonzert lufttig, leicht, ein bisschen schwebend.
Ich war heute zum ersten Mal dort und habe die zwei Stunden wirklich genossen, was wohl auch daran lag, dass ich einen Teil der Big Band durch das Theater kannte und auf einmal eine ganz andere Seite ihres Könnens zu Gesicht bekam – vor allem Carsten am Saxophon hat mich umgehauen, während meine Mom eher von Joachim
Christian am Horn verzaubert war.
Der zweite Teil des Konzerts mit Orchester und Chor war dann eine kleine Vorschau auf das Programm, das man zum 50-jährigen Schuljubiläum im Herbst zu hören bekommen wird. (Leider ist im Moment unklar, ob ich dann da sein kann oder nicht – ich würde es aber ungerne verpassen.) Und dann: Die Verabschiedung der K13er. Anja, die legendäre Anja, hatte „Music“ von Madonna umgetextet und für die einzelnen Instrumente der abgehenden Musiker arrangiert. Richtig toll!
(Und ganz nebenbei, ich hab’s ja schon öfter mal erwähnt: Insgeheim bereue ich es, mich als Kind so gegen ein Instrument gesträubt zu haben, in den Sound der Saxophone war ich vorhin richtiggehend verliebt. Wenn ich mal ein Kind hab, dann muss das ein Instrument lernen, keine Diskussion.
)
Gerade dieses Abschiedsstück, das zu einer Ode auf die vier Musiklehrer wurde, die Chor, Orchester und Big Band und damit auch die Musiker über die Jahre begleitet haben, hat mir einmal mehr gezeigt, warum ich diese Schule so liebe. Sie wiederlegt das Klischee einer faulen und verkommenen Jugend, stattdessen wird Wert auf Kultur und kulturelles Leben gelegt. Das Gymnasium ist mehr als Wissen und pauken, es ist Bildung, Bildung auch im kulturellen Sinne. Diese Freude an den „traditionellen“ Formen der Musik (für mich zählt auch Jazz mit all seinen Varianten dazu) hat mir persönlich das Gymnasium vermittelt, das war nichts, was aus mir selbst kam. Und ich bin froh und ein bisschen auch stolz, dass diese Schule Kultur so lebt, dass die einzelnen Lehrer Kultur so zum Leben erwecken und in den Schülern immer wieder eine Begeisterung dafür entfachen. (Wie die aktuelle Schulleitung dazu steht, ist ein anderes Thema. Aber es freut mich immer wieder, wenn der Amtsvorgänger des aktuellen Rektors auf kulturellen Veranstaltungen des Gymnasiums zu sehen ist, wenn ein „Der Herr Schön ist da!“ durch die Reihen gewispert wird und wenn er sich dann zeigt, in seiner bescheidenen und für alle Menschen offenen Art, die so sehr dem Geist dieser Schule entspricht; wie er die Darbietung genießt und sich danach Zeit für die Leute nimmt, die dieses Stück Kultur erschaffen haben, wie er mit ihnen redet und ihnen das Gefühl gibt, etwas sehr Wertvolles geleistet zu haben.)
Ich bin davon überzeugt, dass diese Liebe zur Kultur die Einzigartigkeit des Gymnasiums ausmacht, bei Real- oder Hauptschulen habe ich eine ähnliche Begeisterung von Schülern und Lehrern für dieses Thema nie entdecken können. In meinem Alltag erlebe ich immer wieder, wie Intellektualität wahlweise nicht verstanden oder beschimpft wird und so bin ich sehr froh, am Gymnasium meinesgleichen zu finden, also Leute, die nicht stumpf in den Tag hineinleben, sondern gestalten, blühen, aus sich herausgehen und damit etwas erschaffen, das vielleicht sehr speziell, aber auch einzigartig ist. Wenn ich sehe, wie sich junge Menschen für Dinge wie Jazz-Musik begeistern können, dann bin ich jedes Mal sehr dankbar, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. (Und auch Madonna, die mit Sicherheit nicht als die Künstlerin gilt, deren Werk sich nur einer kleinen Minderheit erschließt, kann und soll Teil dieser kulturellen Bildung sein. In Madonnas „Music“, also dem Abschiedslied, das die Abiturienten in einer veränderten Version, aber mit gleichem Refrain den Musiklehrern gesungen haben, heißt es: „Music makes the people come together.“ Das ist es, was die Kultur an unserem Gymnasium zu Stande bringt – ein gemeinsames Erlebnis!)
Wenn ich in der finanziellen Situation sein sollte, werde ich mich bei dieser Schule, die mich so sehr bereichert hat, bedanken und mich erkenntlich zeigen werde. Kultur und die Liebe zur Kultur lässt sich ebenso wenig mit Geld aufwiegen wie Leidenschaft, die in Menschen lodert. Aber das heißt ja nicht, dass Kultur nicht auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist.
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