Gestern abend präsentierte und moderierte RTL Angela Merkels Town Hall Meeting, mit dem nun wohl endgültig der Wahlkampf für den kommenden Herbst eingeläutet sein dürfte.
Wobei: War das wirklich ein Townhall Meeting? Eigentlich nicht. Der Tagesspiegel bzw. Die Zeit erklären:
Das klassische amerikanische Town Hall Meeting kennt keinerlei Regeln. Jedes Mitglied einer Gemeinde darf Fragen stellen, seine Meinung äußern oder einfach nur den Antworten der Repräsentanten lauschen. Diese Zusammentreffen haben in den USA eine sehr lange Tradition. Die Teffen dienen nicht nur dem Meinungsaustausch, damit sollen Politiker auch zu aktuellen Fragen beeinflusst werden.
Keinerlei Regeln – darauf wollte sich RTL dann doch nicht einlassen. Die Fragen der Bürger sind durchchoreographiert; wer im Studio sitzt, der bekommt einen kleinen Einspieler, bei dem der persönliche Hintergrund aufgezeigt wird (z.B. der Speditionsunternehmer, der kurz durch seinen Betrieb führt). Dazu gibt es Fragen „von der Straße“, wobei natürlich auch hier die RTL-Redaktion eine Auswahl getroffen hat. Zudem bestand die Möglichkeit, über das Videoportal Clipfish oder über SpiegelOnline Fragen einzureichen. Ich habe nicht die komplette Sendung gesehen, aber trotzdem ist mir keine einzige Frage aufgefallen, die „online eingereicht“ wurde. Und dabei hätte es da die Chance gegeben, durch witzige Einspieler und kritische Fragen die Diskussion auf ein anderes Niveau zu führen (zum Beispiel mit diesem Video, das eventuell sogar aus der SPD-Wahlkampfzentrale direkt kam).
Im Gegensatz zum amerikanischen Wahlkampf traf aber RTL als Sender eine Vorauswahl der Fragen, er machte mit den Inhalten der Bürger seine Sendung. Ein Town Hall Meeting ist das nicht, da kann jeder Fragen was er will. Es geht ja auch gerade darum, den Kandidaten auf heiklen Themengebieten zu erwischen. „Joe the Plumber“, der zu Berühmtheit kam, als er im Vorwahlkampf Barack Obama direkt ansprach und ihm an seinem eigenen Beispiel vorrechnete, was für Probleme seine Steuerpolitik für Unternehmer mit sich bringen würde (und konsequenterweise später John McCain im Wahlkampf unterstütze), wäre wahrscheinlich durch die RTL-Redaktion unmöglich gemacht worden. Vielmehr brachte man die üblichen Fragen und unterlegte sie mit realen Beispielfällen.
Den Mut, den direkten Kontakt mit den Bürgern zuzulassen und – wie Barack Obama – selbst durch das Publikum zu schreiten, um Fragen zu beantworten, brachte offenbar weder RTL noch Angela Merkel auf.
Follow Max on Twitter
RSS-Feed abonnieren! Jetzt! Hier! Gleich!
3 Antworten bis hierher ↓
nailimixam // 18. Mai 2009 um 10:28
Tja, was das mediale Spektakel angeht, stehen wir hinter den USA eben noch zurück. Man erinnere sich nur an das große TV-Duell Stoiber vs. Schröder. In Deutschland völlig neuartig, diese Art von Wahlkampf. Man darf aber nicht vergessen, dass in den USA der President direkt auf das Wahlvolk angewiesen ist und in D eben nicht…
Max // 18. Mai 2009 um 10:41
Klar, in Deutschland wird der Kanzler nicht direkt gewählt, sondern nur der Bundestag. Trotzdem: CDU/CSU und SPD gehen mit einer klaren Aussage in den Wahlkampf, wer Kanzler werden soll, wenn sie eine Mehrheit bekommen. Dass es dann letztendlich jemand wird, den die Partei nach der Wahl aus dem Hut zaubert, kommt zwar auch vor (Seehofer in Bayern), ist aber eher die Ausnahme.
Union und SPD machen ja auch explizit Wahlkampf mit ihren Spitzenkandidaten.
Viel interessanter als eine Elefantenrunde mit den Parteivorsitzenden bzw. Spitzenkandidaten fände ich zum Beispiel eine Runde mit den führenden Fachpolitikern der Parteien. Finanzen, Wirtschaft, Innenpolitik, Außenpolitik. Jedes Wochenende vor der Wahl eine solche Runde und es gäbe jedes Mal enorm Pfeffer und dazu gute und fundierte Argumente, von Leuten, die sich mit dem Thema wirklich auskennen und sich nicht nur über ein Thema haben informieren lassen, was bei den Spitzenkandidaten angesichts der Themenvielfalt ja unumgänglich ist.
Gleichzeitig ist mir aber bewusst, dass mein Interesse wahrscheinlich nicht das Interesse aller deutschen Bürger widerspiegeln wird. Um sich so etwas anzusehen, muss man eben von vornherein ein ordentliches Interesse für Politik mitbringen. (Aber vielleicht unterschätze ich da auch den Durchschnittsbürger, das weiß ich nicht.)
nailimixam // 18. Mai 2009 um 18:30
Naja, so etwas hätte im Privatfernsehen wenig Chance. Da wär das Interesse schnell verflogen.
Aber so eine reformierte Elefantenrunde, die du dir da vorstellst, gibt es im Prinzip schon auf PHOENIX. In der PHOENIX Runde (läuft glaube ich täglich 22:15 Uhr) diskutieren oft auch Fraktionsexperten über ein best. Thema. Sehr sehenswert…