Wenn ich das gewusst hätte… Seit einigen Wochen trage ich im Deutsch-LK den Spitznamen «Thomas Mann» (den lustigerweise nur die männlichen Anwesenden – Robert, Matthias und Hr. Tichi – verwenden, die Mädels tun dies dankenswerterweise nicht). Und das kam so: Ich habe meine Facharbeit korrekturlesen lassen und beide Korrektorinnen bemängelten, dass meine Sätze sehr lang wären. Diese Kritik hab ich in einem Gespräch erwähnt, wo mein Gegenüber mir riet, ich solle mich beim Fachlehrer einfach als Thomas-Mann-Fan rechtfertigen.
Kurze Zeit später hab ich von diesem Gespräch im Deutsch-LK erzählt und seitdem heiße ich dort Thomas Mann.
Es ist seltsam, diesen Namen zu tragen. Ich liebe Manns Schreibstil und wenn man mich als Thomas Mann bezeichnet, dann wandelt sich dieses Etikett sofort von Hochkultur zu etwas Profanem, wenn auch humorvoll Gemeinten.
Vor zwei oder drei Jahren bekam ich ein Hörbuch in die Hände, besser gesagt eine private Lesung. Tonio Kröger. Gelesen von Thomas Mann höchstpersönlich. Eine alte Aufnahme, die manchmal knisterte und bei der man hören könnte, wenn draußen vor dem Haus ein Auto vorbeifuhr, ein Hund bellte oder jemand an der Tür klingelte. Ich gestehe: Ich habe es einfach so weggehört, habe nebenher etwas anderes gemacht. Ich könnte heute die Geschichte in groben Zügen erzählen, mehr nicht.
Der Einschnitt kam im Deutsch-LK. Wir entschlossen uns dazu, «Buddenbrooks» als Lektüre zu wählen. Als das Buch und unsere andere Lektüre, Grass’ Blechtrommel, vor mir auf dem Tisch lagen, war ich zunächst etwas eingeschüchtert. Insgesamt 1500 Seiten.
Ich nahm mit einigen Tagen Abstand das Buch zur Hand und begann zu lesen. Nach drei Minuten fluchte ich. Jeder zweite Satz französisch. Meine eingerosteten Kenntnisse reichten gerade so. Nach zehn Minuten legte ich das Buch weg, es war anstrengend.
Einige Wochen später, im Sommerurlaub an der Ostsee. Ich hatte gerade drei Wochen für Siemens gearbeitet und abends ein kleines bisschen Buddenbrooks gelesen. Wirklich weit war ich nicht. Zum Ende der Sommerferien, in zwei Wochen, sollten beide Bücher gelesen sein, das hatte uns Herr Tichi mit auf den Weg gegeben. In dieser Ferienwoche legte ich die Buddenbrooks selten aus der Hand. Ich stand auf und las. Ich kam aus dem Bad und las. Ich saß am Strand und las. Ich kam von den Ausflügen zurück und las. Ich setzte mich in den Strandkorb im Garten und las. Ich setzte mich ins Bett und las.
Ich bin bekennender Langsamleser, ich lese gerne nur ein paar Seiten täglich. Nach vier Tagen war ich mit den 800 Seiten Buddenbrooks fertig. Und war enttäuscht, dass es schon vorüber war.
Es ist wunderbar, einfach so im Strandkorb zu sitzen, eine leichte Brise im Haar, die salzige Luft in der Nase, die Sonne im Gesicht, das Buch vor den Augen. Es entwickelte sich ein Sog, die Familie Buddenbrook waren für mich nicht Figuren eines Autors, sondern real erlebbare Charaktere. Und: Es war unfassbar gut geschrieben! Diese Menge an Daten, Fakten, Personen, Ereignisse, Beschreibungen – und trotzdem dieser eine rote Faden, der das Buch zusammenhielt und nicht in eine Sammlung von Einzelteilen und Stückwerk zerfallen ließ. Diese Sprache, diese unfassbar präzise und geschliffene Sprache!
Ein paar Monate später steht ein weiteres Mann-Buch in meinem Bücherregal. München leuchtete, eine Sammlung von Erzählungen, Essays, Briefen, Tagebucheinträgen. Im Moment ist es meine Bettlektüre, es gibt eine Reihe angenehm kurzer Texte. Inzwischen gefallen mir Thomas Manns kürzere Texte besser; sein Tagebuch ist großartig.
Ich finde es besonders faszinierend, dass Manns Texte ihre Wirkung erst mit einigem Abstand bei mir entfalten. Unmittelbar nach dem Lesen stehe ich ihm relativ nüchtern gegenüber, aber mit einigen Tagen Abstand tauchen verschiedene Details in meinem Gedächtnis auf. Es scheint, als hätten sich seine Beschreibungen und Schilderungen unbewusst eingegraben und hätten nur darauf gewartet, in einem mehr oder minder geeigneten Augenblick zum Vorschein zu kommen. Am heftigsten war diese Wahrnehmung bei seiner Erzählung «Beim Propheten», wo es um eine Lesung aus einem Manifest geht. Dessen Verfasser tritt nicht in Erscheinung, er lässt einen seiner «Jünger» lesen – und dennoch ist er für mich einer der Mittelpunkte, im Ungewissen zwischen Kunst und Religion, zwischen Kult und Kultur. Ich habe beim Lesen versucht, aus allen Beschreibungen, aus den anwesenden Personen, aus dem Mobiliar, der Atmosphäre, dem vorlesenden «Jünger» Rückschlüsse auf die Figur des «Propheten» zu ziehen. Mit einigen Tagen Abstand hatte ich einen Film in meinem Kopf, die Lesung dieses Jüngers, ein sehr konkretes Bild, ausgestaltet bis in die letzten Feinheiten.
Ich genieße es, Mann zu lesen. Es hat etwas gedauert, bis ich zu diesem Genuss fähig war, es gab einige Anlaufschwierigkeiten. Aber der Status quo entschädigt für Vieles.
Follow Max on Twitter
RSS-Feed abonnieren! Jetzt! Hier! Gleich!