Gestern habe ich mir „Die Welle“ im Kino angesehen, de facto ja ein Pflicht-Film für den Sozialkunde/Geschichte-LK. Die herkömmlichen Kritiken kann man ja überall lesen, zum Beispiel bei den von mir sehr geschätzten Fünf Filmfreunden, deswegen habe ich mich entschieden, einfach ein paar Sachen zu notieren, die mir aufgefallen sind:
- Etwas nervig fand ich die unfreiwilligen „Ich heul gleich los“-Blicke von einigen der Schauspieler, namentlich Karo und Tim. Ähnlich bei dem Kameraschwenk am Ende durch die verschüchterten Schülermassen in der Aula: Ein paar spielen überzeugend, andere nicht, man sieht aber alle.
- Mir ist außerdem noch ein Schnittfehler aufgefallen (normalerweise merke ich so was nicht, aber dieses Mal eben schon): Als Marko mitten im heftigsten Regen an der Tür von Herrn Regeners Hausboot hämmert, ist sein Hemd völlig trocken und blütenweiß. Nicht durchweicht, nicht mal betröpfelt.
- Jürgen Vogel spielt routiniert gut, schafft den Spagat zwischen dem Kumpeltyp und dem schreienden Diktator. Besonders beeindruckend die „Dead Man Walking“-Szene am Ende.
- Es wurde mehrfach kritisiert, dass sich der Film zeitlich und örtlich nicht fest verortet ( z.B. in der Süddeutschen Zeitung); die Stadt, in der alles spielt, wird niemals genannt, die Autokennzeichen existieren nicht. Ich halte diese Entscheidung für genau richtig, es geht ja nicht um einen konkreten Fall, sondern um ein exemplarisches Beispiel. Die historische Vorlage wurde verfremdet, da braucht man sich meiner Meinung nach nicht weiter darum bemühen, Authentizität in der Verfremdung zu suchen und zu bemühen.
- Genauso wurde kritisiert, dass die einzelnen Schüler nicht als vielschichtige Charaktere, sondern als einfache Typen gezeichnet sind. Auch das ist für mich kein Kritikpunkt, ich berufe mich auf meine Aussage von vorhin: Es geht um ein Beispiel und gerade dadurch, dass die einzelnen Rollen als Typen angelegt sind, wird das Beispielhafte deutlich.
- Brilliant ist auf jeden Fall der Außenseiter Tim, der in der Gemeinschaft aufblüht, dem aber die sozialen Kompetenzen fallen und es dadurch letztlich überreizt. Er findet die Grenze nicht, er meint, er müsse durch besondere Hingabe zum Projekt untermauern, dass er auch dazugehören will. Während beispielsweise für den Türken Sinan (ganz nebenbei: hat mir von all den Jungdarstellern am besten gefallen) die Welle eine Art der Freizeitgestaltung ist, so ist sie für Tim mehr, sie ist die Chance, zum ersten Mal in seinem Leben voll und ganz akzeptiert zu sein. Schon früh bedeutet für ihn die Welle auch Militarisierung, auf der Homepage ist eine Waffe zu sehen, als es innerhalb der Welle noch überhaupt nicht um Gewalt gegen irgendeine Seite geht. Die Kultivierung der Martialität ist Tims Markenzeichen, in der Hoffnung, sich durch seine Entschlossenheit als „wahres“ Mitglied der Welle zu erkennen zu geben und damit die Gunst der Anderen zu gewinnen. Er kennt die Grenze nicht, er verliert die Bodenhaftung. Während alle anderen Schüler die Welle als Mittel zum Zweck sehen (und jeder sieht einen eigenen Zweck!), so ist sie für Tim Selbstzweck.
- Mir fiel außerdem auf, dass der Lehrer Wenger die Welle anfangs als Alternative zur globalisierten Welt, zur Ellenbogengesellschaft präsentiert. Die Angst vor dem Scheitern ist allgegenwärtig, die Angst vor Lücken im Lebenslauf ebenso. Alles ist darauf ausgerichtet, eine Arbeitsstelle zu finden, alles ist auf Profit angelegt. Die Welle ist eine Oase, eine Insel der Seligen. Wenger beschwört die Illusion einer Gemeinschaft, die durch den Zusammenhalt und das Akzeptieren aller, die die Gemeinschaft voranbringen, fähig ist, den Gesetzen des Weltmarktes zu trotzen. Eine subtil gezogenen Parallele zur nationalsozialistischen Propaganda gegen das Weltjudentum; der Begriff Jude wurde faktisch durch das internationale Kapital ersetzt.
- Ebenso subtil inszeniert ist die Angst vor der Verfolgung durch die Welle. Als Karo ihr Flugblatt gegen die Welle abends in der Schule entwirft und ausdrucken will, kappt die Netzwerkverbindung, auch der zweite Versuch scheitert. Nach einem Schnitt steht sie am Schulkopierer, kopiert und blickt sich ängstlich um. Als der Strom in der Schule ausfällt, packt sie das Grauen, sie dreht sich nach eventuellen Verfolgern um und verlässt die Schule fluchtartig. Eine tatsächliche „Geheimpolizei“ tritt nicht auf, aber die Angst vor Verfolgung und Denunziation ist präsent und zumindest unterschwellig stets vorhanden.
- Zum Abschluss noch weiterführendes Material: Der Spiegel-Ableger einesTages beleuchtet die wahre Begebenheit, auf der „Die Welle“ beruht. Der Lehrer Ron Jones, der damals das Schulprojekt startete, hat selbst ein Essay (engl.) verfasst, in dem er noch einmal die Erlebnisse aus seiner Sicht schildert. Dennoch ist Jones nicht unumstritten. Es heißt, er habe in seinem Artikel bewusst den Widerstand gegen die Welle ignoriert und verkürzt dargestellt. Auch ob die Welle tatsächlich die von Jones angegebenen Dimensionen annahm, ist fraglich. Die Schülerzeitung berichtete über die Welle beispielsweise nur in einer Randnotiz.
Follow Max on Twitter
RSS-Feed abonnieren! Jetzt! Hier! Gleich!
6 Antworten bis hierher ↓
Batz // 20. März 2008 um 11:01
Fiep
Dein letzter Satz ist denke ich der Knackpunkt an der ganzen Sache. Denn der Film glaubt Jones und behauptet dieselbe Entwicklung, die schon im Original eher fragwürdig ist. In der Schülerzeitung steht, daß es massiven Protest gab und 500 Schüler und Lehrer sich gegen Jones stark machten, das wirft ein völlig anderes Licht auf die „Alle machen kritiklos mit“-Theorie die der FIlm aufstellt. Und ich halte es eben für fraglich ob ein derartiges Projekt wirklich so funktionieren würde, vielleicht wenn es geschickter und über einen langen zeitraum aufgebaut würde, aber innerhalb von 3 Tagen vom kritischen Mittelklasse-Kind zum quasi Nazi? Das ist extrem unwahrscheinlich und schadet der Glaubwürdigkeit der gesamten Story, egal wie exemplarisch sie sein soll. Die Kritik der Süddeutschen bringt es denke ich ganz gut auf den Punkt und der Satz: „“Hanni und Nanni besiegen den Faschismus“" ist ebenso witzig wie zutreffend
Max // 20. März 2008 um 12:00
”Hanni und Nanni besiegen den Faschismus” finde ich lächerlich. Es ist ganz klar, dass der Film pädagogisch überspitzt, genauso wie aber auch alle anderen literarischen Vorlagen pädagogisch überspitzt sind.
Deine Kritik richtet sich an den Stoff, an das Thema – und das kann ich nur halb nachvollziehen. Wenn man sich „Herr der Ringe“ ansieht, dann würde man sich wundern, wenn auf einmal Darth Vader durchs Bild tappt. Und genau deswegen finde ich es falsch, den Film dafür zu kritisieren, dass er sich größtenteils an die literarische Vorlage hält. Über die Vorlage wiederum kann man gerne streiten.
Zumal man ja auch wirklich sagen muss: Der Film bemüht sich ja darum, nicht alles mit einem kuscheligen Schluss enden zu lassen. Es ist eben nicht so, dass man eine solche Sache aufhalten kann, wenn sie einmal in Bewegung geraten ist.
Ob man eine solche Geschichte wie im Film tatsächlich auch innerhalb einer Woche real durchführen kann, halte ich für zweifelhaft, aber es gehört in meinen Augen zur künstlerischen Freiheit. Wenn der Todesstern durchs Bild schwebt, schreit ja auch niemand „Unrealistisch!“.
Ich bin dafür, den Film nicht 1:1 als Abbild der Realität zu begreifen, sondern als ein auf die Spitze getriebens Beispiel, das Wurzeln in der Realität hat, aber das man nicht auf seine Wurzeln reduzieren kann. Und ich behaupte, wenn man den Film so sieht, dann funktioniert er sehr gut und ist in sich sehr konsistent.
Batz // 20. März 2008 um 19:31
Star Wars ist allerdings auch kein Film der vorgibt irgendeine Wahrheit zu verkünden oder etwas über die Verführbarkeit von Menschen zu erzählen. Und die Kritik der Süddeutschen trifft es was das Buch angeht doch sehr gut, denn stilistisch ist „Die Welle“ irgendwo zwischen „Meine kleine Fibel“ und Fix und Foxi anzusiedeln. Wäre der Film als Popcornfilm konzipiert könnte man sich ja über unrealistische Entwicklungen und holzschnittdramaturgie unterhalten, aber in einem Streifen der letztlich mit klarem Fokus als Lehrfilm zur Verwendung im Unterricht gedreht wurde sollte man es mit der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit etwas genauer nehmen finde ich. Aleine eine gute Botschaft vermitteln zu wollen rechtfertigt nicht dabei zu lügen und in der Hinsicht ist der Film nicht besser als Michael Moores „Dokumentationen“…
Max // 20. März 2008 um 20:53
Naja, Star Wars zeigt ja auch teilweise das Streben nach Macht. Ist jetzt aber auch egal…
Richtig, „Die Welle“ ist als Lehrfilm angelegt. Aber es ist keine Dokumentation über Langusten, sprich: Der Film versucht, sich selbst mit Leben zu füllen, mit Dramatik. Da minutiös zu zeigen, wie sich die Bewegung entwickelt, in all ihren Details und Facetten, wäre wohl für einen Großteil der angestrebten Zielgruppe ein Grund, das Kino zu verlassen.
„Die Welle“ ist plakativ und verkürzt das Geschehen, was den Realitätsgehalt mindert. Aber sie behauptet ja auch nicht, die Verfilmung von Joachim C. Fests Hitler-Biographie zu sein. „Die Welle“ ist in erster Linie ein Spielfilm und in einem solchen Fall habe ich kein Problem, wenn man die Wahrheit nicht 100%ig darstellt. Welcher Spielfilm kann das schon von sich behaupten?
Michael Moores Filme geben vor, seriöse Dokumentationen zu sein, was sie nicht sind. „Die Welle“ gibt sich nicht als Dokumentation aus, sie ist als Spielfilm mit Schauspielern gedreht worden. Dass es daneben noch eine pädagogische Absicht gibt, ist zwar richtig und der Film benennt diese auch klar und eindeutig, aber ihn auf eine Stufe mit Dokumenationen, die Authentizität vorgaukeln, zu stellen, halte ich für falsch.
Natürlich verschweigen sowohl Buch als auch Film den Ausmaß des Widerstands gegen die „Welle“. Aber ist ein Spielfilm, auch wenn er eine pädagogische Botschaft hat, automatisch ein schlechter Film, sobald er nicht das volle Spektrum der Wahrheit abbildet? Ich halte das für eine sehr hohe Forderung.
Und ganz nebenbei: Ich bin sehr glücklich darüber, dass es Medien im Allgemeinen und Blogs im Speziellen gibt, die solche Sachen aufdecken und darauf hinweisen. Und gerade deswegen ist es für mich entschuldbar, wenn einem Film das passiert.
Batz // 21. März 2008 um 02:29
Ich glaube halt, daß in vielen Fällen da wenig differenziert wird. Du setzt dich damit auseinander und schaust dir Drittquellen an und so weiter, was ich klasse finde und auch das ist was ich mache. Aber wenn ich mir viele Kritiken so ansehe, dann glaube ich daß es viele Leute (selbst Kritiker) eben nicht machen. Die nehmen die Botschaft des Films so platt 1:1 und fragen eben nicht, wie steht es mit dem Wahrheitsgehalt. Die nehmen die Behauptung des Films und des Buches „So funktioniert Autokratie, so schnell kann es gehen“ für bare Münze. Genau das liest man ja in vielen Reviews, die im wesentlichen das Presseheft und Ron Jones Eigenlob als Quelle annehmen und ich halte es eben für eine Gefahr und für eine verharmlosung, wenn man glaubt Faschismus so simpel erklären zu können. Schüler denen im Unterricht durch naivere Lehrer das als Wahrheit beigebracht wird und die darüber nachdenken und feststellen: Nein stimmt nicht, so einfach geht das gar nicht, könnten durchaus auf die Idee kommen das ganze als antifaschistische Propaganda abzutun und dadurch den Verlockungen tatsächlichen rechten Gedankenguts offener gegenübertreten. Gansel war in Napola, der ähnlich schick aussieht und auch hübsche Schauspieler in exzellent fotografierte Kulissen packt, genauso naiv und konnte da auch nicht richtig erklären, worin denn nun die Faszination des Faschismus bestand, was mich bei Der Welle schon skeptischer werden ließ, weil er sich hier an einem noch weit härteren Thema versucht, dem simplifizierungen eben nicht so gut bekommen. Wenn ich an meine Schulzeit denke, dann wurden Filme die man da ansah am Ende nicht analysiert und hinterfragt sondern eher als unterhaltsamere Art benutzt Inhalte zu vermitteln und ich glaub genau das kann bei Die Welle böse ins Auge gehen. Da wäre Das Experiment, daß auch zuspitzt und zum Ende hin ordentlich auf die Kacke haut wesentlich besser geeignet sich Gedanken über die Natur des Menschen zu machen. Oder die erste Verfilmung von Herr der Fliegen aus den 60ern.
Max // 21. März 2008 um 09:31
Ich stimme dir zu (ohne Napola und den Herr der Fliegen zu kennen). Und trotzdem bleibe ich dabei, dass man trotzdem nicht gleich mit dem Dampfhammer der Süddeutschen draufhauen muss, die den Film mit Hanni und Nanni auf eine Stufe stellt und das auch noch als Beleidigung für dieses Kinderbuch wertet.
„Die Welle“ vereinfacht, sie schneidet zusammen, sie lässt Fakten weg – aber dennoch denke ich, dass sie im Kern einen Funken Wahrheit hat, der auch nicht dadurch verschwindet, dass man eben handwerkliche Fehler gemacht und nicht sehr sauber recherchiert hat.
Den Faschismus mit diesem Film vollständig und restlos erklären zu wollen, geht an der Realität vorbei, aber einen Teilaspekt des Faschismus, nämlich die Bildung einer in sich geschlossenen, starken Gemeinschaft, kann man mit „Die Welle“ meiner Meinung nach sehr gut erklären und zeigen. Natürlich wird es auch hier vereinfacht dargestellt, aber das ist für mich eben ein Charakteristikum von Spielfilmen.