Max macht Abitur

“Die Welle”

20. März 2008 · 6 Kommentare

Gestern habe ich mir “Die Welle” im Kino angesehen, de facto ja ein Pflicht-Film für den Sozialkunde/Geschichte-LK. Die herkömmlichen Kritiken kann man ja überall lesen, zum Beispiel bei den von mir sehr geschätzten Fünf Filmfreunden, deswegen habe ich mich entschieden, einfach ein paar Sachen zu notieren, die mir aufgefallen sind:

  • Etwas nervig fand ich die unfreiwilligen “Ich heul gleich los”-Blicke von einigen der Schauspieler, namentlich Karo und Tim. Ähnlich bei dem Kameraschwenk am Ende durch die verschüchterten Schülermassen in der Aula: Ein paar spielen überzeugend, andere nicht, man sieht aber alle.
  • Mir ist außerdem noch ein Schnittfehler aufgefallen (normalerweise merke ich so was nicht, aber dieses Mal eben schon): Als Marko mitten im heftigsten Regen an der Tür von Herrn Regeners Hausboot hämmert, ist sein Hemd völlig trocken und blütenweiß. Nicht durchweicht, nicht mal betröpfelt.
  • Jürgen Vogel spielt routiniert gut, schafft den Spagat zwischen dem Kumpeltyp und dem schreienden Diktator. Besonders beeindruckend die “Dead Man Walking”-Szene am Ende.
  • Es wurde mehrfach kritisiert, dass sich der Film zeitlich und örtlich nicht fest verortet ( z.B. in der Süddeutschen Zeitung); die Stadt, in der alles spielt, wird niemals genannt, die Autokennzeichen existieren nicht. Ich halte diese Entscheidung für genau richtig, es geht ja nicht um einen konkreten Fall, sondern um ein exemplarisches Beispiel. Die historische Vorlage wurde verfremdet, da braucht man sich meiner Meinung nach nicht weiter darum bemühen, Authentizität in der Verfremdung zu suchen und zu bemühen.
  • Genauso wurde kritisiert, dass die einzelnen Schüler nicht als vielschichtige Charaktere, sondern als einfache Typen gezeichnet sind. Auch das ist für mich kein Kritikpunkt, ich berufe mich auf meine Aussage von vorhin: Es geht um ein Beispiel und gerade dadurch, dass die einzelnen Rollen als Typen angelegt sind, wird das Beispielhafte deutlich.
  • Brilliant ist auf jeden Fall der Außenseiter Tim, der in der Gemeinschaft aufblüht, dem aber die sozialen Kompetenzen fallen und es dadurch letztlich überreizt. Er findet die Grenze nicht, er meint, er müsse durch besondere Hingabe zum Projekt untermauern, dass er auch dazugehören will. Während beispielsweise für den Türken Sinan (ganz nebenbei: hat mir von all den Jungdarstellern am besten gefallen) die Welle eine Art der Freizeitgestaltung ist, so ist sie für Tim mehr, sie ist die Chance, zum ersten Mal in seinem Leben voll und ganz akzeptiert zu sein. Schon früh bedeutet für ihn die Welle auch Militarisierung, auf der Homepage ist eine Waffe zu sehen, als es innerhalb der Welle noch überhaupt nicht um Gewalt gegen irgendeine Seite geht. Die Kultivierung der Martialität ist Tims Markenzeichen, in der Hoffnung, sich durch seine Entschlossenheit als “wahres” Mitglied der Welle zu erkennen zu geben und damit die Gunst der Anderen zu gewinnen. Er kennt die Grenze nicht, er verliert die Bodenhaftung. Während alle anderen Schüler die Welle als Mittel zum Zweck sehen (und jeder sieht einen eigenen Zweck!), so ist sie für Tim Selbstzweck.
  • Mir fiel außerdem auf, dass der Lehrer Wenger die Welle anfangs als Alternative zur globalisierten Welt, zur Ellenbogengesellschaft präsentiert. Die Angst vor dem Scheitern ist allgegenwärtig, die Angst vor Lücken im Lebenslauf ebenso. Alles ist darauf ausgerichtet, eine Arbeitsstelle zu finden, alles ist auf Profit angelegt. Die Welle ist eine Oase, eine Insel der Seligen. Wenger beschwört die Illusion einer Gemeinschaft, die durch den Zusammenhalt und das Akzeptieren aller, die die Gemeinschaft voranbringen, fähig ist, den Gesetzen des Weltmarktes zu trotzen. Eine subtil gezogenen Parallele zur nationalsozialistischen Propaganda gegen das Weltjudentum; der Begriff Jude wurde faktisch durch das internationale Kapital ersetzt.
  • Ebenso subtil inszeniert ist die Angst vor der Verfolgung durch die Welle. Als Karo ihr Flugblatt gegen die Welle abends in der Schule entwirft und ausdrucken will, kappt die Netzwerkverbindung, auch der zweite Versuch scheitert. Nach einem Schnitt steht sie am Schulkopierer, kopiert und blickt sich ängstlich um. Als der Strom in der Schule ausfällt, packt sie das Grauen, sie dreht sich nach eventuellen Verfolgern um und verlässt die Schule fluchtartig. Eine tatsächliche “Geheimpolizei” tritt nicht auf, aber die Angst vor Verfolgung und Denunziation ist präsent und zumindest unterschwellig stets vorhanden.
  • Zum Abschluss noch weiterführendes Material: Der Spiegel-Ableger einesTages beleuchtet die wahre Begebenheit, auf der “Die Welle” beruht. Der Lehrer Ron Jones, der damals das Schulprojekt startete, hat selbst ein Essay (engl.) verfasst, in dem er noch einmal die Erlebnisse aus seiner Sicht schildert. Dennoch ist Jones nicht unumstritten. Es heißt, er habe in seinem Artikel bewusst den Widerstand gegen die Welle ignoriert und verkürzt dargestellt. Auch ob die Welle tatsächlich die von Jones angegebenen Dimensionen annahm, ist fraglich. Die Schülerzeitung berichtete über die Welle beispielsweise nur in einer Randnotiz.

Kategorien: Völlig Nebensächliches
Tagged: , , , , , , , , , , , , ,