Max macht Abitur

Heine, Rose & Georgi

20. Februar 2008 · 3 Kommentare

Ich bin heute eigentlich nur wegen zwei Stunden in die Schule gekommen (alle anderen habe ich regulär frei) und für exakt diese zwei Stunden war eine Autorenlesung angesetzt - obwohl Autorenlesung in diesem Fall das exakt falsche Wort ist, gelesen wurde nämlich nichts, stattdessen gesungen und rezitiert, und der Autor ist nun auch schon seit 152 Jahren tot.

Thematisch sollte sich alles um Heinrich Heine drehen, konkret anwesend waren die Herren Georgi und Rose aus Berlin. Manch einer hatte schon im Vorfeld den großen Betrug gewittert: Sollte da etwa jemand anrücken, sich mit fremden Federn schmücken und dafür einen vierstelligen Geldbetrag einstreichen? Aber es kam anders als gedacht. Nachdem Frau Grimm ihren 13er-Deutsch-LK, der es sich im Mittelfeld bequem gemacht hatte, in die erste Reihe beordert hatte, begann Herr Rose mit einer sehr ironischen Einleitung, sprach davon, dass man vorgehabt hätte, die erste Reihe “mit aller Kraft freizuhalten” und dass eben immer einer den Platzanweiser spielen müsse. In genau diesem Moment hatte er es geschafft, das Eis zu brechen.

Die zwei Berliner Künstler waren nicht wie alle anderen Autoren, die bei Lesungen stets davon überzeugt sind, dass ihr Werk wunderbar ist, sie selbst gottgleich und gefälligst jedermann an ihnen und ihrem Œuvre zu interessiert sein habe. Nein, diesmal nicht. Die beiden Berliner zeigten sich als gebildete Menschen, die aber die Bodenhaftung nicht verloren haben und die es verstanden, launig auf das Publikum einzugehen. Nicht intellektuell-verkopft und arrogant standen sie auf der Bühne, sondern luftig-locker und auf symphathische Art und Weise selbstbewusst. Sie ließen uns, ihrem Publikum, Zeit für Ausritte, sie schmeichelten und - einer der wichtigsten Punkte - sorgten sich darum, ob es uns interessiert oder nicht. Zu keinem Zeitpunkt hatte man das Gefühl, dass die beiden genau im Kopf hatten, wie viele Lieder und Texte noch zu spielen, singen und sprechen seien, wie lange sie jeweils dauerten und zu welcher Uhrzeit man an welchem Punkt des Programms angelangt sein müsse. Es atmete stattdessen etwas von Freiheit, vom Luxus des sich-Zeit-Lassens. Diese entspannte Grundstimmung trug dazu bei, dass man sich nicht wie in einer förmlichen Veranstaltung, in die man hineingezwungen wurde, fühlte, sondern wie auf einer gelungenen Abendunterhaltung, zu der man freiwillig gekommen war. Es war eine grundlegend andere Atmosphäre als bei allen anderen Autorenlesungen, die immer als Charakteristikum eine gewisse Steifheit mitbrachten.

Georgi und Rose rezitierten Heine, sie spielten Lieder zu seinen Texten, sangen oder untermalten den Text musikalisch, ließen manchmal auch nur den blanken Text wirken. Christian Georgi, dem Multiinstrumentalisten, war sein Können durchweg anzumerken, er spielte souverän und an den passenden Stellen. Detlev Rose hatte sich vor allem auf den Text verlegt, seine Stimme, die sicherlich eine Sprechausbildung an einer Schauspielschule genossen hat, zeigte sich wandelbar und flexibel, aber stets präzise und exakt auf die Situation passend.

Besonders bemerkenswert war die Einbeziehung des Publikums. Normalerweise der Graus der versammelten Schülerschaft, hier jedoch das glatte Gegenteil. Sobald das Publikum angesprochen wurde, verdichtete sich die Atmosphäre. Es wurden Reimwörter gesucht, Fragen gestellt und Liebeserklärungen gemacht (diese gleich mehrfach) - alles zur Freude des Publikums, das immer auf einen trockenen Kommentar lauerte und das Engagement mit Applaus bedachte.

Das größte Kunststück ist den beiden Herren jedoch gelungen, indem sie selbst auf der Bühne so waren, wie Heine es in seinen Texten war. Die Brechung des Romantischen war Prinzip (etwa als eine “Jungfrau” aus dem Publikum aufgefordert wurde, “es blitzen zu lassen”, natürlich in sehr eindeutiger Art und Weise), die ironischen Texte wurden durch lakonische Kommentare des Vortragenden in einer fast schon reinhardmey-esken Art und Weise gestützt und vertieft, der trockene Humor tat sein Übriges. All das war kein Blendwerk, sondern holte Heine tatsächlich in die heutige Zeit - und es fiel nicht als künstliche, als aufgesetzte Maßnahme auf, sondern integrierte sich nahtlos in das Gesamtprogramm, blieb subtil und gerade dadurch wirkungsvoll.

Gelungene zwei Stunden am Vormittag, gut investiert. Der Wunsch, Heine nicht ungelesen zu lassen, wird hoffentlich Berücksichtigung finden - nicht zuletzt dank zweier routinierter und großartig agierender Vermittler. Ich persönlich habe mir tatsächlich vorgenommen, Heine wieder mehr zu lesen.

Kategorien: Schnell Dahingeschriebenes
Getaggt: , , , , , , , , , , , , , ,

3 Antworten so far ↓

  • Heike Fritzlar // 6. März 2008 um 21:24

    Hi Max, Du hast einen wirklich guten Artikel über Deinem Konzertbesuch bei Rose&Georgi geschrieben. Die beiden waren begeistert. Mach weiter so1 Was willst Du studieren?
    Herzliche Grüße Heike Fritzlar

  • Detlev Rose // 18. März 2008 um 09:33

    Guten Tag Max, Freunde haben uns Deinen Artikel geschickt. Deine Sicht auf unsere Arbeit freut natürlich den Interpreten. Und darüber hinaus wächst die Hoffnung, dass die Zukunft kompetente Kritiker hervorbringt. Würde gerne Auszüge auf unsere Website legen und einen Link zu Dir. Ist das in Ordnung?

    Herzliche Grüße Detlev Rose

  • Max // 18. März 2008 um 09:41

    Natürlich ist das in Ordnung. :-)

Kommentar schreiben