Max macht Abitur

Reli-Klausur, Theater und noch einiges mehr…

18. Januar 2008 · Kommentar schreiben

Ich fang einfach mal von vorne an: Die Reli-Klausur gestern lief überraschend gut. Ich hatte mit der Krissy noch kurz vor der Stunde Power-Learning betrieben und es hat sich einiges vom Stoff geklärt. Die Klausur selbst war dann leichter als ich erwartet hatte, die Aufgaben waren meiner Meinung nach fair gestellt und von der Zeit her auch machbar. Lief also durchaus ordentlich bei mir…

Gleichzeitig war’s dann so, dass wir noch entscheiden mussten, welche Workshops wir bei den Besinnungstagen auf Burg Feuerstein besuchen wollen. Eigentlich hätten wir das schon letzte Woche machen sollen, aber da war unser Reli-Lehrer ja nicht da. Im Angebot waren sechs Workshops, die sich größtenteils mit dem Thema Zukunft befassen. Einer bestand im Endeffekt aus dem Anschauen und Besprechen von Kurzfilmen – ich vermute mal, dass da die ganzen Leute landen werden, die sonst keinen Bock auf nix haben. Ein anderer beschäftigt sich mit Suchtprävention, der wird wohl meiner Einschätzung nach eher wenig Zulauf finden. Eine weitere Veranstaltung beschäftigt sich mit dem Thema “Identität und Partnerschaft”, sprich: Mit welchem Menschen möchte ich den Rest meines Lebens verbringen? Zwei andere Workshops beschäftigen sich mit Zielen im weiteren Leben und Vorstellungen davon. Außerdem gibt es noch einen mit dem Thema “Sinn-volles Leben – machbar oder Illusion?”. Man musste aus diesem Angebot drei Favoriten auswählen, denen man zugeteilt werden möchte; bei mir waren es die drei zuletzt von mir genannten Workshops. Mal schauen, wie das mit der Zuteilung funktioniert und ob wir jetzt einen Nachteil haben, weil wir uns erst eine Woche später als die anderen Kurse anmelden konnten…

Abends war der Deutsch-LK im Schauspielhaus Nürnberg, dort gab es eine Faust-I-Inszenierung zu sehen. Wir hatten zwar im LK besprochen, wie wir dorthin finden würden, aber dann kam zumindest bei uns alles anders als gedacht (zu Herrn Tichis Ehrenrettung sollte ich erwähnen: alle anderen Autos haben ihr Ziel wohl auf Anhieb gefunden)… Bianca, Anna und ich haben uns von Felix chauffieren lassen und in Nürnberg erst mal das Navi ignoriert. Das stand nämlich im krassen Gegensatz zu den Erklärungen unserer geschätzten Lehrkraft. Also haben wir “Gerd” abgeschaltet (das Ding hatte die Stimme von diesem Schröder-Imitator, Elmar Brand) und uns selbst durch Nürnberg Downtown gekämpft. Aber keine Spur vom Richard-Wagner-Platz oder der gesuchten Seitenstraße, die zum Parkhaus des Schauspielhauses führen sollte. Nach der dritten Fahrt um den Block wurde es uns dann zu blöd und wir beschlossen, am Bahnhof auszusteigen und uns zu Fuß durch den nächtlichen Großstadtdschungel zu kämpfen. Der Plan wurde allerdings spontan geändert, als Hungergefühle erkannt und mit einem Besuch bei McDonald’s/Burger King/Irgendwoanders bekämpft werden wollten. Also ab in den Bahnhof und versucht, eine der genannten Lokalitäten zu finden. Irgendwie verwirrend… Nach einiger Zeit (zum Glück hatten wir davon genug, wir waren eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung ausgestiegen) hatten wir dann schließlich einen Burger King gefunden und reihten uns dort in die Schlange ein. Gleichzeitig hatten wir natürlich das Problem, dass wir auch noch in Erfahrung bringen mussten, wo genau denn jetzt das Schauspielhaus war, was wir durch das gezielte Ansprechen ortskundiger Passanten zu lösen gedachten. Hier tut sich bei mir eine Gedächtnislücke auf, denn ich erlebte nicht, wie Bianca und Anna zielsicher eine Nürnbergerin ausmachten und sie um eine knackige Wegbeschreibung baten, sondern verbrachte diese Zeit, in der wir ohnehin an der Burger-King-Schlange anstanden, an einem Pissoir, um meinen Königstiger von dem auf ihn lastenden Druck zu befreien. Kurz und gut: Ich kam zurück, fröhlich-beschwingt, und traf sogleich auf meinen Cheeseburger und eine kleine Cola sowie eine verdammt einfache und letztendlich auch vollkommen korrekte Wegbeschreibung. Unglaublich, was man in einer Minute alles schaffen kann! Ich sollte wirklich öfter einfach mal pinkeln gehen…
Dennoch waren wir nicht gänzlich sorgenfrei: inzwischen war unser komfortables Zeitpolster auf ein läppisches Viertelstündchen zusammengeschrumpft und wir gingen einhändig-essend, einhändig-trinkend und beidäugig-suchend durch – ich erwähnte es bereits – Nürnberg Downtown. Zwar war die uns gelieferte Gebrauchsanweisung zum sicheren Erreichen des Theaters präzise, aber als sich zu unserer Seite obskure Second-Hand-Geschäfte für Uhren mit An- und Verkauf zeigten, da beschlichen uns schon ein wenig die Zweifel, ob sich zwischen all diesem Schmodder doch noch eine Weihestätte der Kultur auftun sollte. Wir wischten sie (also die Zweifel) aber beiseite und marschierten weiter durch Nürnberg, nachdem wir uns bereits zwei Ampeln nach dem Bahnhof der Burger-King-Tüte und des Pappbechers entledigt hatten. Immer weiter, immer weiter – und irgendwann lag er vor uns, der gesuchte Richard-Wagner-Platz. Bingo!
Großes Kino übrigens die folgende Anekdote… Wir sehen das Straßenschild samt den darunter angebrachten Hinweis, das sich hier auch das Arbeitsamt befände, was wir – durch Herrn Tichi gebrieft – natürlich bereits wussten. Eine Erwähnung war es uns trotzdem wert: “Und da ist ja auch das Arbeitsamt.” Diese unbedachte Äußerung verleitete einen zufällig des Weges kommenden Passanten vermutlich türkisch-arabischer Herkunft zu dem Hinweis, dieses hätte bereits geschlossen. Ich sah in meinem dunklen Hemd aber schon extrem nach Hartz-IV-Empfänger aus, klar… (Kurze Erinnerung, wir haben ca. 18:48 und sind in einer Dreiergruppe. Geht man normalerweise so aufs Arbeitsamt?) Die Bemerkung meinerseits, noch seien wir ja nicht arbeitslos, wurde sofort mit dem Wehklagen beantwortet, dass heutzutage die Firmen ja alle entlassen würden und wir die nächsten seien (übrigens ohne eine Spur von Ironie gesagt). Schönen Dank auch!
Schließlich betraten wir dann das Schauspielhaus – nicht! Das erste sichtbare Gebäude am Richard-Wagner-Platz ist nämlich die Oper, was aber nirgendwo steht, nicht einmal auf ihr selbst. Wir also hinein, Treppchen hoch, Tür auf, Treppchen hoch, Tür auf und direkt zu einer seriös aussehenden Dame, die scheinbar nur darauf zu warten schien, uns Einlass zu gewähren. Meine Frage, ob wir uns hier am richtigen Eingang zu unseren Plätzen befänden, wurde abschlägig beantwortet: Wir seien hier in der Oper, das Schauspielhaus sei eins weiter rechts. Scheiße… (Später erfuhren wir, dass auch die Lena vom teilweise mitgekommenen Deutsch-GK exakt den gleichen Fehler beging, wir waren also nicht die einzigen Unwissenden an diesem Abend…) Also Tür auf, Treppchen runter, Tür auf, Treppchen runter und hinaus in die Abendluft und weiter zum Schauspielhaus – dieses Mal aber tatsächlich! Drinnen wurden wir dann nicht nur vom netten Theater-Angestellten, der unsere Karten abriss, begrüßt, sondern auch von Herrn Tichi, der dankenswerter Weise im Eingangsbereich stand und uns begrüßte. Wir kamen auch sehr pünktlich, oder anders ausgedrückt: Gerade noch so rechtzeitig… Letztendlich dann aber doch auf unseren Plätzen, wenn auch mit etwas wenig Abstand zur Reihe vor uns, aber egal, wir sind ja hier nicht wegen der tollen Sessel, sondern wegen der KULTUR. Ja, das kann man mal groß schreiben… (Vor allem, nachdem mir meine beiden Mitfahr- und auch ansonsten LK-Kolleginnen offenbarten, dass sie noch nie im Theater waren, die ungebildeten Menschen, die… ;-) )
Wir kommen zur Inszenierung. Man sollte gleich am Anfang sagen: Wer das Stück nicht gelesen hat, der hat keine Chance. So wie Herrn Thiems Deutsch-GK, der wie bereits erwähnt teilweise der Aufführung beiwohnte und wohl einen sehr seltsamen Eindruck bekam…
Es beginnt alles mit einem langen harten Schweigen vom auf der Bühne sitzenden Faust. Mutig, das so lange durchzuhalten angesichts des jungen und zu Späßen aufgelegten Publikums. Die Inszenierung ist geprägt von der Verkürzung und Verknappung: Der dreifache Zugang am Anfang wird ersatzlos gestrichen, das Stück beginnt nach dem harten Schweigen sofort mit dem Faust-Monolog (”Habe nun, ach, …”), dem der Darsteller aber eine überraschende Note verpasst, indem er den arroganten Faust betonen lässt, ein Ebenbild Gottes zu sein. Dieser anfangs sehr gewöhnungsbedürftige Part erfährt eine radikale Änderung durch den auftretenden Mephisto (ganz in weiß, inkl. Fingernägel). Nun erfährt die Inszenierung Tempo, wieder wird der Faust-Stoff verkürzt und verknappt, Auerbachs Keller fällt ebenso aus wie große Teile der Szene in der Hexenküche. Die Ausfahrt ins Leben wird auf das Notwendigste verkürzt: Auf der Leinwand wird die moderne Welt gezeigt in ihrem Streben nach Lust, nach Spaß, nach Unterhaltung. Krieg, Fußball, Filmausschnitte, wild und verwirrend, chaotisch und rasend schnell – zu schnell für Faust. Diesen stört die Vielfalt, die Durchblick verhindert. Ein Klatschen von Mephisto, ein süffisantes “Besser?” und parallel spielt sich auf der Leinwand im Rücken eine Softporno-Szene ab, von der Faust in ihren Bann gezogen wird. (Eine dramatische Verkürzung von Auerbachs Keller, dem Inbegriff für die Ausfahrt ins Leben, und der Szene in der Hexenküche, die letztendlich auf das wundervolle Bild im Spiegel hinausläuft.) Das alles innerhalb kürzester Zeit, knackig präsentiert und mit scharfer Sprache gewürzt. Eine gelungene Dramatisierung des Stoffs!
Ich will nicht die komplette Inszenierung nacherzählen, dieser kurze Ausschnitt soll genügen. Insgesamt fand ich sie sehr gut, wobei sie am Anfang etwas Zeit brauchte, um in Gang zu kommen, unmittelbar nach der Pause ihren Höhepunkt fand und gegen Ende zerfaserte und sich von der Vorlage entfernte (ich konnte Fausts Schlussmonolog nicht konzentriert verfolgen, laut Herrn Tichi war er einem anderen Werk der Literatur entlehnt, insgesamt fand ich dieses Ende jedoch etwas eigenartig und unpassend). Auffällig vor allem eine Fokussierung auf das Körperliche: Mephisto pflegt die Lust zur homosexuellen Liebe, als er den Famulus “belehren” darf; Faust selbst deutet mit einem Eis am Stiel erwünschten Oral-Sex mit Gretchen an; beide springen in der Walpurgisnacht komplett nackt über die Bühne und bespritzen sich gegenseitig mit Champagner. Ein großartig aufspielender Mephisto, der im Lauf des Stücks immer stärker wurde und schließlich seinen Klimax in der Vorbereitung der Erschießung von Gretchens Bruder Valentin fand (unfassbar, wie dramatisch und atmosphärisch dicht man eine Pistole weitergeben kann!), bildet das Zentrum des Stücks.
Ansonsten eine dramaturgisch sehr dichte Inszenierung, die wir heute im Leistungskurs lange diskutiert haben, auch und vor allem die einzelnen kleinen Elemente des Stücks. Eigentlich hätte ich Lust, das hier alles einzeln noch einmal zu erwähnen, aber mir mangelt es einerseits an Zeit und andererseits an Erinnerungsvermögen.
Ich hab mich, während ich diesen Beitrag geschrieben habe, etwas auf der Webseite des Staatstheaters Nürnberg umgesehen. Dort sind noch eine ganze Reihe anderer Stücke im Programm, die mich interessieren würden, allen voran die beiden Brecht-Inszenierungen der “Dreigroschenoper” und “Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui”, das im Sommer Premiere feiern wird – allerdings nicht in den gewohnten Räumen des Schauspielhauses, sondern im weiten Rund der von den Nazis geplanten, aber nie fertig gestellten Kongress-Halle direkt neben dem NS-Dokumentationszentrum. Ich konnte diese als vergrößerte Version des römischen Circus Maximus geplante Arena bereits letztes Jahr besuchen, zu diesem Zeitpunkt war sie allerdings noch leer und nicht für eine Theaterbühne präpariert. Eine großartige Kulisse für dieses Stück, das als “historische Gangsterschau” (Brecht) den Aufstieg Adolf Hitlers thematisiert. Ich werde wohl vorschlagen, diese Aufführung zu besuchen (und wenn nicht mit der Schule, dann klappt’s ja vielleicht privat), das reizt mich wirklich (und wir werden uns ja ohnehin mit einem Drama des 20. Jahrhunderts beschäftigen müssen, da bietet sich der große Dramatiker Brecht ja förmlich an). “Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui” liegt übrigens wie einige andere Bücher auch auf meinem Nachttisch – ungelesen, aber hoffentlich nicht mehr lange. Wenn ich nur mal dazu käme…

Jetzt folgt ein sehr radikaler Bruch, weg von der Welt des Theaters, hin zum Arbeitsamt. Am kommenden Montag hat die Schule mal wieder jemanden von der Arbeitsagentur im Haus, der uns Perspektiven nach dem Abitur aufzeigen wird. Mal schauen, was das wird… Aber ich kann eigentlich gleich wieder die Brücke zurück zum Theater schlagen: Morgen früh ist wieder Theater-Probe, ich muss mir noch aufschreiben, welche Requisiten ich für meine Figur des Moracchio brauche. Außerdem noch mal Text lernen, der erste Akt muss morgen sitzen. Vor allem mein kleiner Solo-Ausritt soll besser kommen als letztes Mal… Insgesamt bin ich aber zuversichtlich und werd mich jetzt bald ans Text-Lernen machen, das ist wirklich nötig…

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